Donnerstag, 9. September 2010

Dienstag kein Müll bitte

Muell

Sie sehen ein rätselhaftes Schild, das ich in München auf einer Mülltonne vor einem Restaurant gesehen habe. Selbst, wenn ich meine reiche Fantasie spielen lasse, fallen mir wenige Begründungen ein, die zu so einem Hinweis führen könnten.

Ich bin nun nicht im Müllgewerbe tätig, aber meines Wissens wird eine Tonne bloß ausgeleert und damit hat es sich. Das ist ein Akt von fünf Minuten, da braucht man nicht den ganzen Dienstagmorgen zu. Vermietet werden Mülltonnen auch nicht, und wenn, dann sicher nicht nur Dienstagsvormittags. Vielleicht schaut der Restaurantbesitzer (Italiener) am Dienstagmorgen immer eine Soap, bei der er Ruhe möchte. An Flaschencontainern sind ja auch immer Zeiten angegeben. Das ist aber kaum noch relevant, denn der Großteil der Flaschen ist ja heute aus Plastik und mit Einwegpfand versehen.

Letzteres scheint mir in Deutschland seit der Einführung zwar nicht seinen Zweck erfüllt zu haben (die Mehrwegquote erhöhen, weil die Leute das Pfand nicht bezahlen wollen), hat dafür aber viele neue Arbeitsplätze geschaffen. Den Pfandflaschensammler sah man früher nie, heute kennen wir gut ausgestattete (Taschenlampe, Einkaufswagen) junge Männer, die Mülleimer ausleuchten. Auf der Reeperbahn in Hamburg soll es gar aufgeteilte Gebiete geben und es soll nicht ratsam sein, sich zum Pfandflaschensammeln in ein bereits belegtes Gebiet zu begeben. Wenn wir uns also heute über einen Aufschwung bei den Jobs wundern, dann wohl deshalb. Ähnlich ist es mit dem Job des Wochenendticket-Verkäufers. Es gibt Leute, die an Bahnhöfen Tickets weiterverkaufen und damit ihr Geld verdienen. Manche fahren sogar den ganzen Tag mit einem Zug hin und her und nehmen für wenig Geld vier Leute auf dem 5er-Ticket mit. Das nenne ich geschäftstüchtig.

Die Frage ist aber weiter offen: Warum die Bitte, Dienstagmorgens auf den Mülleinwurf zu verzichten? Ich bin ratlos.

Samstag, 4. September 2010

Restaurantbesuch - Analyse

Kürzlich saß ich in einem Mittelklasse-Restaurant und mir gegenüber postierte sich eine Familie mit drei Kindern. Der Vater war von kräftiger Statur, hatte sich jedoch über die Jahre ein Bäuchlein angegessen. Er saß sehr grade, fast stramm. Seine Kinder (4 bis 8, zwei Mädchen und ein Junge, die ersteren ganz niedlich, der Junge nicht so) bekamen von ihm nur kurze Kommandos. „Iss vernünftig!“, sagte er zum Beispiel. Als sein Sohn die Pizza auf die falsche Art schnitt (was auch immer daran falsch war), reichte sogar ein fester Blick, um seine Position dazu klarzumachen. Das hinderte den Jungen jedoch nicht, ständig seine Grenzen auszutesten. Der Vater jedenfalls lächelte (wie die Mutter) während des Essens kein einziges Mal, das ganze schien ihm keinen Spaß zu machen. Aber nicht nur sein Verhalten, auch sein Aussehen war interessant. Er trug einen Pullover mit Karomuster und ein Hemd drunter. Mit der Kleidung wirkte er wie ein Streber und ich mutmaßte, ob seine Frau ihm die Kleidung raus legte und sich damit über seine militärische Haltung und seine Kommandos lustig machte. Sie schien mir aber ebenso wenig Humor wie er zu besitzen. An seiner Jeans trug er eine überdimensionierte Handytasche, wie man sie schon seit zehn Jahren nicht mehr trägt. Handytaschen waren ja schon immer hässliche Requisiten des Hightech-Zeitalters, dass jemand jedoch im Jahre 2010 ein derartig großes Exemplar trägt und dieses auch noch am Hosenbund für alle sichtbar anbringt, lässt nur den Schluss zu, dass der Mann seine Wichtigkeit demonstrieren muss. Das wiederum verleitete mich zu der Vermutung, dass er wohl eine mittlere Stellung im Beruf haben müsse. Sein Auftreten schließt eine niedrige Position aus, ein Mensch in höherer Position hätte es jedoch nicht nötig, auf so ordinäre Weise seinen Rang zu beweisen.

Seine Frau war eine füllige Frau, mitte vierzig. Sie trug eine Dickenfrisur. Das hört sich auf den ersten Blick diskriminierend an, basiert aber auf empirischen Beobachtungen. Sobald Mütter über 40 ein gewisses Gewicht erreicht haben, legen sie sich eine Frisur zu, die ihr Friseur wohl als „flotte“ oder „pfiffige“ Kurzhaarfrisur bezeichnen würde. Nichts gegen kurze Haare, aber wenn jede dicke Mutter mit einer von Haarspray gehaltenen Kurzhaarfrisur rum läuft, ist das nicht mehr flott oder pfiffig. Das ist dann eine Dickenfrisur.
Die Mutter fiel dadurch auf, dass sie ihrem Kind ohne Begründung das Essen einer Zitrone aus dem Wasserglas verwehrte. Der Junge, der weiter stetig seine Grenzen austestete, indem er zum Beispiel bei Tisch den nackten Bauch zeigte und dafür vom Vater einen der langen Blicke erntete, investierte seine überschüssige revolutionäre Energie leider nicht in den Widerspruch, was denn gegen das Essen einer Zitrone einzuwenden sei, sondern behauptete ständig, die gelbe Frucht sei das einzige Obst, das man nicht essen dürfe. Seine Eltern widersprachen nicht. Die Mutter, um darauf zurückzukommen, bestellte eine riesige Portion Salat, ich würde sagen, das entsprach dem Pensum von drei Personen, aß diesen aber nach der mittelgroßen Portion Nudeln mit Sahnesauce allein. Ich kann leider nicht beantworten, warum sie nach einem so kalorienhaltigen Hauptgericht glaubte, ein kleines Getränk und ein riesiger Salat seien ein guter Ausgleich. Vielleicht hatte sie aber auch nur Hunger auf Salat.

Mein Schnitzel war übrigens gut.

Donnerstag, 2. September 2010

Sarrazin in einer kleinen Buchhandlung

Bei mir um die Ecke gibt es eine hübsche Buchhandlung, die keiner Kette angehört. Seit sich Thalia und Co. in den Innenstädten ausbreiten, gehören unabhängige kleine Buchläden zu den Raritäten. Heute Vormittag stand ich dort an einem Tisch, auf dem u.a. eine Böll-Biografie und Bücher von Juli Zeh oder Ilija Trojanow auslagen, als zwei neue Kunden den Laden betraten: Ein Mittvierziger mit einer asiatischen Frau, die nichts sagte.

"Haben Sie das Sarrazin-Buch?" Die Buchhändlerin erklärte ihm, dass es bereits ausverkauft sei, dass er es aber vorbestellen könne. Er verzichtete und wollte nochmal wiederkommen. Als die beiden rausgingen, hielten sie einer kleingewachsenen aber groben Frau die Tür auf. "Haben Sie das Buch von diesem Sarrazin?!", fragte sie lautstark. Die Buchhändlerin erklärte erneut, dass es für die nächsten zwei Wochen ausverkauft sei. "Liegt das dann hier aus?" Die Buchhändlerin schüttelte zu meiner Überraschung den Kopf. "Wir legen das hier nicht aus. Sie können es höchstens bestellen." Ich glaubte, Ekel aus ihrer Stimme raus zu hören, aber das habe ich mir sicher nur gewünscht. Die kleine Frau bestellte das Buch und ging.

Als der Laden wieder leer war, fragte ich die Verkäuferin, ob sehr viele Leute nach dem Buch fragen. Sie bestätigte diese Vermutung genauso wie die, dass die meisten Kunden das Buch weniger aus Interesse als aus Zustimmung lesen wollten. "Endlich spricht's mal einer aus" und ähnliche Dinge soll sie schon gehört haben. Bestellungen könne sie nicht ablehnen, auslegen werde sie es aber nicht.
Da wird sie vermutlich in der Minderheit sein. Bei den großen Ketten werden sich die Ausgaben bis an die Decke stapeln. Im Gegensatz zu dem Laden, in dem ich mich befand, liegen bei Thalia allerdings nicht die Bücher auf den Präsentiertischen, die besonders hochwertig sind, sondern die, die sich am besten verkaufen werden und deren Verlage genug für die prominente Auslage bezahlt haben. Die Bestsellerliste sei auch nur so ein künstliches Produkt, erfuhr ich von der Händlerin.

Das ganze Gespräch bestärkte mich in meinem Vorhaben, Bücher nicht mehr bei den großen Ketten zu kaufen. In Hamburg-Barmbek gibt es noch relativ viele unabhängige Buchläden, sie sagte mir aber schon, dass die alle schnell weg wären, sollte hier eine Filiale der großen Konzerne eröffnet werden. Das wäre schade, denn bei Thalia hätte ich so ein Gespräch wie heute nie führen können. Ich hätte auch keinen Historiker empfohlen bekommen, der zum Thema Integration wesentlich bessere Bücher als Thilo Sarrazin schreibt. Und den Hinweis auf eine Lesung eines eher unbekannten Hamburger Autors in diesem Laden hätte ich in einem der gigantischen Buchtempel zwischen Dan-Brown-Büchern und Vampir-Romanen ebenfalls nicht bekommen.

Als ich den Laden verließ, sah ich im Schaufenster ein altes Plakat gegen einen Naziaufmarsch in Barmbek. Auch das hätte es bei Weltbild, Thalia und Hugendubel nicht gegeben.

Montag, 30. August 2010

Pistazienflasche - Assoziationen zum Kapitalismus

Pistazienflasche

Auf diesem Bild sehen Sie, was passiert, wenn man mit einer Flasche Fritz-Kola und einer Packung Pistazien eine sechstündige Zugfahrt unternimmt. Ich möchte das hier aber nicht nur als sinnlose Spielerei verstanden wissen. Ein paar Assoziationen:

Pistazien wachsen an Bäumen auf Plantagen, Plantagen sind gewöhnlich Horte der Ausbeutung.
Europa bezieht seine Pistazien laut Wikipedia größtenteils aus den USA, hier hat der Kapitalismus Wohlstand gebracht.In einer einfachen Steinfrucht manifestieren sich also Licht und Schatten des Kapitalismus.
Fritz-Kola kommt aus Hamburg und wurde von zwei Studenten entwickelt. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie weniger süß ist und mehr Koffein beinhaltet, eine Cola für Erwachsene. Wer Fritz-Kola trinkt, trinkt keine Coca-Cola. Coca Cola ist ein Symbol des Kapitalismus. Fritz-Cola ist also ein ein Gegensymbol.

Nach diesen Assoziationen können Sie nun je nach eigener Meinung deuten.
Für Kapitalismusfreunde: Die Pistazie ist ein Symbol des Kapitalismus und füllt die kapitalismuskritische Fritz-Kola aus. Das heißt, Kritik am Kapitalismus ist heute kaum noch möglich. Denn was im Gewand der Kritik daherkommt, scheint eigentlich auch nur zum Geld verdienen da zu sein. Nehmen Sie Michael Moore, der Mann ist reich. Michael Moore ist also äußerlich ein großer Kritiker des Kapitalismus (eine Anti-Kola-Flasche), innerlich aber gefüllt mit Geld (Pistazien). Der Kapitalismus nutzt also jede Kritik an sich zum Geldverdienen.

Für Kapitalismuskritiker: Da ist es etwas einfacher. Die Fritz-Kola ist eine Kritik am Kapitalismus und frisst die Pistazie, ein Symbol dessen, einfach auf.

Vielleicht hatte ich aber auch einfach nur Hunger auf Pistazien und etwas Langeweile.

Freitag, 27. August 2010

Die Ventilinsel

Es gibt in technischen Dokumenten immer wieder Wörter, die mich begeistern. Zum Beispiel Stahlbetonfertigteilfundament. 29 Buchstaben, so etwas schönes bringt nur die deutsche Sprache zu Stande.

Ein, ohne Ironie, wirklich sehr hübsches Wort, was ich heute entdeckt habe, ist "Ventilinsel". Es gibt einem zahlreiche spontane Assoziationen. Denken Sie mal darüber nach. Mir fällt spontan ein Porno ein, der noch gedreht werden müsste: 200 Frauen mit aufgeblasenen Silikonbrüsten und dicken Ventilen dran. Ich benutze das Wort Ventil in diesem Fall eigentlich nicht, aber ich kannte mal jemanden, der die Brustwarzen von Frauen als "Treckerventile" bezeichnete und das lustig fand. Jedenfalls sind diese Frauen auf einer Insel ausgesetzt worden und müssen nun dort leben, ohne Männer natürlich. Selbstverständlich haben die Frauen nach ihrem Schiffbruch keine Kleidung mehr und auch kein Interesse daran, sich welche zu suchen. Schließlich reden wir hier von einem Porno. Den Rest muss ich mir noch ausdenken, noch bin ich ja kein Produzent. Jedenfalls wird der Film "Die Ventilinsel" heißen.
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